Online
Spiel, Sucht, Traumverwirklichung oder einfach nur die Flucht vor der Realität?
Montag, 25.3.2002 / 23:18 Uhr
Oft schon habe ich über dieses Thema nachgedacht. Nun möchte ich einfach einmal alles niederschreiben, was mir gerade in den Sinn kommt. (Und es später vermutlich ergänzen, überarbeiten oder vergessen.)
Ob ich mir eine Meinung zu dem folgenden Erlauben darf? Ich denke schon. Ich spiele seit 5 langen Jahren unter anfangs horrenden Telefonkosten bereits Online-Rollenspiele. Angefangen hatte es mit Meridian 59, über Ultima Online und später Everquest bist hin zum aktuellen Dark Ages Of Camelot. Und mit Sicherheit wird es mit Spielen wir Star Wars Galaxies, Shadowbane oder Horizons (sollte das jemals kommen *g*) noch weitergehen.
Doch vieles hat sich im Laufe der Zeit geändert. Vor allem meine Einstellung zu diesen Spielen, was sich, wie viele meiner nun langjährigen Onlinegefährten “negativ” auf mein Spielverhalten ausgewirkt hat. Ich finde aber, es war ein positiver Wandel.
Noch heute weiß ich ganz genau meine ersten Eindrücke von meinen ersten Onlineminuten. Damals war alles so neu und faszinierend (Meridian 59). Das erste interaktive Abenteuer in einer Fantasiewelt. Zusammenspiel mit “echten” anderen Menschen, nicht nur doofen Computergegnern, ohne echte Intelligenz.
Auch vorher habe ich schon einen großen Teil meiner Freizeit alleine oder in Netzwerkcafes vor dem Computer mit dem Spielen diverser mehr oder weniger guten Games verbracht. Im Laufe der Zeit sehr zum Leidwesen meiner anderen Hobbys, sei es das Lesen, Schreiben oder Tischtennis.
Rollenspiele waren seit jeher “mein” Gebiet. Ich liebte und liebe es mich mit meinen Gedanken in eine andere Welt zu versetzen, sei es das altgediente Pen&Paper oder am Computer. Ich lese mit Vorliebe Fantasie und Science Fiction. Auch im TV und Kino seit jeher meine Lieblingssparte. Was kann es da besseres geben, als in eine Onlinewelt einzutauchen, von der Realität für eine gewisse Zeit abzuschalten und sein eigener strahlender Held zu sein? Hm, ob das ein Drogensüchtiger sich nicht auch wünscht und empfindet? Ein böser Vergleich? Ich denke nicht wirklich. Denn genau dieses Verlangen kann zur Sucht werden, mit all ihren überwiegend negativen Erscheinungen. Es kann, aber es muss nicht. Onlinespiele sind mit Sicherheit keine Gefahr für die Allgemeinheit. Ich denke auch nicht, dass sie gefährlicher sind als andere Medien. Aber man muss sich immer der Möglichkeit bewusst sein, dass es auch eine Onlinesucht geben kann. Diese könnte sich eben auch in Form von Spielsucht in einem Rollenspiel zeigen. Eben so gut könnte es ein 3D Shooter sein, oder das unstillbare Verlangen zu chatten, zu surfen oder Emails zu schreiben. (Oder Drogen zu nehmen, Alkohol zu trinken, Medikamente zu schlucken, zu rauchen… es gibt so viele Gefahren der Sucht…)
Ein Onlinespiel sollte ein Spaß für Zwischendurch sein, eine Entspannung nach der Arbeit. Ein Abschalten eben. Aber was birgt hier die möglichen Risiken?
Das ist die Tatsache, dass man bei einem Onlinespiel einen “Charakter” in einer anderen Welt steuert, welcher sich über einen langen Zeitraum entwickelt. Durch das Sammeln von Erfahrungspunkten, dem nächsten Level und Ausrüstung. Dies benötigt Zeit, und da die Herausgeber solcher Spiele natürlich wollen, dass man möglichst lange Kunde bleibt und monatlich seine Gebühren abdrückt, tun diese natürlich alles, damit man lange bei der Stange bleibt. So kommt es, dass es oftmals “nichts” ist, mit einmal eben für eine kurze Pause einzuloggen. Man muss Zeit mitbringen, und das können ohne weiteres mehrere Stunden am Stück sein, an nur einem Tag. Jeder Kunde mag sein eigenes Spielverhalten haben, doch im großen und ganzen lassen sich alle in drei Hauptgruppen einteilen. Die erste Gruppe, welche zu beneiden ist, sind eigentlich die Gelegenheitsspieler. Sie spielen wirklich nur unregelmäßig für ein paar Stunden, wenn sie halt Lust und Zeit haben, sofern im “Real Life” nicht gerade etwas anderes ansteht. Leider bringt man es auf diese Weise in praktisch keinem Onlinerollenspiel zu einem echten Helden, da der eigene gesteuerte Avatar einfach nicht die Zeit bekommt, die er braucht um sich zu einem echten Helden zu entwickeln. Aber was in meinen Augen das wichtigste ist, das eigene reale und einzig wichtige “Leben” leidet hier nicht unter dem Spiel.
Die zweite Gruppe sind wohl der Großteil, und hier muss ich aus eigenen Erfahrungen sagen (ich denke ich falle - oder fiel in diese Gruppe), dass all diese Leute eigentlich schon viel zu viel spielen. Sie verbringen fast täglich einige Stunden online. Das liegt, grob geschätzt zwischen 15 und 35 Stunden die Woche. Und damit genau so viel Zeit, wie vermutlich recht viele auch arbeiten gehen. Und nun stelle man sich einmal eine 70 Stunden Arbeitswoche vor… bleibt da noch viel Zeit für Hobbys, Familie, Verein oder Freizeit allgemein? Hier werden bereits teilweise recht dicke Abstriche von den genannten Bereichen gemacht. Sei es die Arbeit im Garten die liegen bleibt, der Kegelabend mit Freunden der ausfällt, weil man heute mit “(Online-)Freunden” einen Drachen erschlagen geht? Oder sei es gar der Arbeitsplatz der hier leidet, weil man früher nach Hause geht, oder verschlafen im Büro aufläuft, weil das Erschlagen des Drachens erst um 2:00 Uhr zu Ende war?
Die dritte Hauptgruppe sind dann die Powergamer. Das sind Leute, die versuchen jede technische Möglichkeit aus dem Spiel auszunutzen um einen ihrer vielen Charaktere möglichst schnell zu “maxen”, dass heißt ans Limit zu geben, welches das Spiel bietet. Hier wird jede freie Minute ausgenutzt, um online zu sein. Verbunden mit der virtuellen Welt. Hier wird sogar Urlaub genommen, aber statt diesen auf den Malediven zu verbringen, befindet man sich auf Planet_00X. Die größten Drachen müssen möglichst oft, schnell und effektiv ins virtuelle Jenseits befördert werden. Der Onlineheld braucht die beste Ausrüstung die man bekommen kann. Auf Ebay wird gegen reales Geld virtuelles Vermögen gekauft (oder umgekehrt möglichst viel Virtuelles erwirtschaftet und dann auf Ebay gegen Reales eingetauscht- womit der Zyklus in eine weitere Runde geht. Geh doch einfach mal auf die Webseite und gib als Suchbegriff “Everquest” oder “Ultima Online” -oder ein anderes gerade aktuelles Onlinerollenspiel ein.)
In dieser Gruppe kommt eigentlich alles im realen Leben zu kurz. Die Powergamer spielen locker 35+ Stunden pro Woche. Manche Leute verlieren ihren Job, andere den Partner. Beziehungen gehen zu Bruch, soziale Kontakte, ob Verein oder Freunde gehen verloren. Man hat ja seine Ersatzwelt, seine Ersatzgefährten mit denen man große Abenteuer erlebt. Ja, hier findet man dann echt Helden. Leider aber nur online, den real ist es dann oft nur ein Scherbenhaufen der bleibt.
Gott sei dank sehen das die meisten früher oder später ein. (Manche leider erst später, nachdem der Partner oder der Job bereits verloren ist). Doch das Chaos zu beenden, dazu sollte es nie zu spät sein. Wenn auch Du merkst, dass dir so viel verloren gegangen ist, was Du schon einmal besessen hast… dann mache den Schnitt und behandel Onlinerollenspiele als das was sie sind: Als ein Spiel.
Auch ich war an einem Punkt, an dem ich eindeutig zu viel gespielt habe. Ich denke ich war nie ein Powergamer, aber auch meine sozialen Kontakte haben unter diesem Computer/Internethobby gelitten. Aber das habe ich nach einigen Verdrängungsversuchen eingesehen. Es geht eben doch nichts darüber, mit Freunden Abends irgendetwas zu unternehmen. Das kann kein Spiel der Welt ersetzen. Und unausgeschlafen im Büro seine Stunden abzusitzen ist auch nicht das Gelbe vom Ei.
Doch was bewegt eigentlich jemanden dazu, sich in eine Fantasiewelt zu flüchten? Ist es die Flucht vor privaten Problemen? Das Versagen in einer Beziehung oder am Arbeitsplatz? Für einen sehr geringen Prozentsatz mag dies vielleicht zutreffen. Ich möchte da keinem zu nahe treten… aber die Flucht die man damit antritt könnte genau so gut die zur Flasche oder die zu Drogen sein. Da ist mir die Onlinesucht dann noch die liebste… obwohl sie, wenn es eine Sucht geworden ist, sicher genau so gefährlich sein kann, wie die anderen Süchte auch.
Für die meisten beginnt es einfach als Abwechslung vom Alltag… einfach einmal die Möglichkeit nutzen, eben nicht der kleine Angestellte unter vielen anderen zu sein, sondern der große Held. Einmal der Chef, der Anführer… die Macht zu haben, die einem in Wirklichkeit vielleicht versagt bleibt. Dies ist aber (noch) nichts schlimmes. In meinen Augen spricht nichts dagegen, warum sollte nicht jeder einmal ein Held sein? Rollenspiele bieten da doch die besten Möglichkeiten zu. Nur leider spielt die eigene Kreativität und Fantasie bei den Onlineversionen eine viel zu kleine Rolle. Selbst wenn man sich fest vornimmt, sich nur so zu verhalten wie der Held aus seinem Lieblingsbucht, verschwimmt dieses Vorhaben viel zu schnell in den vorgegebenen und die “Persönlichkeit” einengenden Richtlinien, Regeln und Grenzen des Spieles. Bei einer Pen&Paper Version gibt es diese Grenzen nicht. Hier kann man das Regelwerk abändern und biegen wie man es selbst gerne hätte. Und nebenbei kommuniziert man hier mit einem realen Gegenüber, das heißt der soziale Kontakt ist auch gleich dabei
In meinen Augen bildet sich in jeder Onlinewelt ein kleines Ebenbild unserer Ellenbogengesellschaft. Den hier gibt es den Raum ungestraft (d.h. ohne reale Konsequenzen auf das “mieseste” Verhalten, welches man an den Tag legen kann…) all seine (geheimen) Wünsche auszuspielen. Da jeder der Held sein will, ist irgendwo immer eine Konkurrenz da. Und sei es nur die, um das neue Schwert, welches man eben in einer Gruppe in einem Dungeon gefunden hat. Hier kann man Intrigen spielen, sich in einer Gilde oder einem Clan zu einem regelrechten Diktator aufschwingen, beleidigen und eben jene Macht über andere ausüben, was man sonst nie könnte.
Das klingt jetzt vielleicht so, als wäre jedes Online(rollen)spiel eine Katastrophe, aber so ist das nicht gemeint. Man wird unheimlich viel Spaß haben. Aber ebenso wird man auch unheimlich viele Frustsituationen erleben und sich über andere Leute oder Dinge ärgern. Es ist immer lustig als Außenstehender ein Forum zu lesen, welches über solche wichtigen “Online”dinge handelt. Hier werfen sich die Leute nämlich gerne die unverschämtesten Dinge und Lügen an den Kopf, die sie sich sonst nie trauen würden, sie auszusprechen. Schließlich sitzt der andere einem ja nicht gegenüber und kann so höchstens mit einem anderen Posting im Forum antworten.
Dieses Verhalten habe ich soooo soooo oft erlebt. Immer und immer wieder. (Und manchmal war ich mitten drin und selbst voll dabei.) Man wird in solchen Spielen, sofern man oft und lange genug spielt (also zu Gruppe zwei oder drei gehört) alles finden, was es in der realen Welt auch gibt. Rassenhass, Vorurteile, eine Art von Gewalt, Lügen, Intrigen, Machtkämpfe.
Natürlich findet man auch die positiven Dinge, Leute die sich mit viel Ehrgeiz hinter bestimmte Ziele setzen. Echte Gemeinschaften aus Freunden und Hilfsbereitschaft, die auch über den eigenen Clan/Gilde hinausgeht. Aber sind “Online”freunde denn echte Freunde? Oftmals verschwinden sie mit einem neuen Spiel am Markt, oder nur dem Wechseln einer Gilde.
Bevor das aber nun ganz zu kurz kommt. Aus so einer Gilde/Clan können sich aber auch ohne weiteres echte Freundschaften im echten Leben entwickeln. Man kann so andere Menschen auf der anderen Seite der Welt kennen lernen, mit ihnen telefonieren, sich schreiben, oder sich auch treffen. Viel häufiger passiert das natürlich, wenn man feststellt, dass man ja in der gleichen Gegend wohnt. Vielleicht ist der Paladin aus deiner Gilde, ja der Nachbar von der nächsten Ecke? Vielleicht gehst Du schon morgen mit ihm ins Kino? Vielleicht wird man so neugierig auf die anderen, dass man sich bei einem “Real Life Treffen” richtig kennen lernt, vielleicht ja sogar verliebt und heiratet? (Auch diesen Fall hat es in meiner “Online” Bekanntschaft gegeben.) Auch dies ist ohne weiteres möglich, und ich habe es oft erlebt. Viele Leute in ganz Deutschland habe ich auf diese Weise kennen gelernt, mich ihnen getroffen und echten Spaß bei einem Glas Bier gehabt.
Es gibt eben nicht nur das “böse”. Nur dies ist es, was einem nach jahrelangem Spielen eben auch sehr gut im Gedächtnis bleibt. Und dies sind die Punkte, die man eben auch wissen sollte. Die Risiken, die man kennen sollte, wenn man das nächste Mal einen Drachen töten geht.
Ich liebe meine Onlinespiele noch heute. Nur wäre es mir kein Spiel der Welt wert, den Abend mit meinen Freunden im neusten Kinostreifen einer meiner “Helden” aus der realen Welt zu verpassen, oder?
Und nun ist es schon wieder spät geworden. Ich sollte noch schnell einloggen und ein wenig Erfahrungspunkte sammeln. Das nächste Level ist nicht mehr weit…. oder doch lieber ab ins Bett?
Ich wünsche allen, die dieses Chaos hier lesen sollten eine gute Nacht. *gähn*
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Dieser Artikel erschien in aufgearbeiteter Form im französischen Schulbuch für den Deutschunterricht:












